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«SBB – was nun?» – ein brisantes Buch

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Erstellt vor 4 Monaten durch IGöV Zürich
«SBB – was nun?» – ein brisantes Buch
Das gefällt nicht allen, was da Matthias Finger, Professor an der EPFL, vorschlägt – aber seine Thesen sind lesens- und bedenkenswert. In seinem Buch «SBB – was nun? Szenarien für die Organisation der Mobilität in der Schweiz» argumentiert er gut untermauert, dass das hochtechnische Eisenbahnsystem Schweiz einen Systemführer braucht und warum diese Systemführerin die SBB sein soll. Da dies einem Monopol gleichkomme, brauche es die RailCom als unabhängiger Regulator. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) solle sich auf die politischen Rahmenbedingungen für Bahn beschränken.
Das Fern-Bahnsystem Schweiz ist ein S-Bahnsystem Schweiz. So könnte man Fingers Überlegungen auch umschreiben, wenn er schreibt: „Denn in Tat und Wahrheit wächst die Schweiz zu einer einzigen grossen Metropolitanregion zusammen, mit einem «Central Park» in der Mitte: den Alpen. Zwei «Metrolinien» – Gottthard und Lötschberg – führen bereits unter dem Park durch.“ Daraus folgert er, dass dieses hochkomplexe und engverzahnte Bahnnetzwerk Schweiz eine kompetente Führung brauche. Dazu fähig sei eigentlich nur ein Bahnunternehmen wie die SBB. Wettbewerb sei fehl am Platz, weil es gar keinen gäbe. Mitbewerber seien nur an lukrativen Linien interessiert. Das ist eine der Hauptthesen des Autors. Selbst im regionalen Personenverkehr (RPV) existiere mit Ausschreibungen und den Subventionen eher ein Pseudo-Wettbewerb. Auch wenn sich der Autor nicht grundsätzlich gegen Wettbewerb stellt, steht für ihn fest, dass dieser nicht Selbstzweck sein darf sondern nur ein Mittel zum Zweck für ein volkswirtschaftlich optimales Mobilitätssystem. Er befürchtet wohl zu Recht, dass solcher Pseudo-Wettbewerb zu einer Überregulierung führen würde – er nennt es «Tod durch Mikromanagement».


Ein Blick zurück vor die Gründung der SBB 1902 schadet an dieser Stelle nicht. Es zeigt den erbarmungslosen Verdrängungskampf unter den Privatbahnen: «Wohl besass jede Eisenbahngesellschaft ihren geographischen Heimmarkt; doch die Natur der Sache brachte es zwangsläufig mit sich, dass die räumlich getrennten Gesellschaften früher oder später miteinander in Berührung kamen. Sei es, dass die Linien der einen auf diejenigen einer anderen stiessen – sei es, dass eine Gesellschaft die andere übernahm.» (aus «Alfred Escher: Aufstieg, Macht, Tragik» von Joseph Jung, Verlag NZZ).

Zurück zum Buch «SBB – was nun?». Zur Begründung, wieso nicht ein Bundesamt eine Systemführung übernehmen soll und kann, macht Finger den Vergleich zu einem anderen Infrastrukturbereich, zur Stromversorgung. Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid ist verantwortlich für Betrieb und Überwachung des Schweizerischen Stromübertragungsnetzes. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom ist die unabhängige staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich. Das Bundesamt für Energie (BFE) ist das Kompetenzzentrum für Energiefrage und berät die Politik. Analog dazu wäre die erfolgreiche SBB als Systemführerin verantwortlich für den zuverlässigen Betrieb des Bahnnetzes, die RailCom (ehemalige Schiedskommission im Eisenbahnverkehr) wäre die unabhängige staatliche Regulierungsbehörde – und nicht das BAV, welches analog dem BFE die Politik kompetent beraten solle – und nur das.
Diskussionen dürfte zudem der Vorschlag Fingers auslösen, die Bundesämter BAV (Schiene), Astra (Strasse) und ARE (Raumplanung) in einem Mobilitätsamt zusammenzufassen. Das macht Sinn, weil Finger lieber von einem schweizerischen «Mobilitätssystem» als einem «Bahnsystem» spricht. Eine so verstandene Gesamtverkehrsstrategie kann sich auch gelassener den grossen Herausforderungen der Digitalisierung stellen. Und es würde zu einer konsistenteren Verkehrs- und Raumplanung führen.

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Von den verschiedene Etappen des Bahnbaus in der Schweiz seit 1848, über die vielen Nörgeleien an den SBB, die uns abhalten über die wirklichen Herausforderungen nachzudenken, die er dann auch im nächsten Kapitel benennt, beschreibt Matthias Finger Politik-Szenarien, die letztlich in ein Systemführer-Szenario münden – mit der klaren Haltung, dass diese Systemführung nur bei den SBB liegen kann.

Zu Beginn schreibt Matthias Finger „Dieses Buch ist ein «end-of-career book». Darum ist es auch in der Ich-Form geschrieben, ohne akademischen Schnickschnack und ohne Referenzen. Es geht um meine persönlichen Ideen, Überlegungen und Argumente, die ich über die Zeit entwickelt und präzisiert habe. Argumente brauchen keine Referenzen, aber sie sollten überzeugen … hoffentlich.“ Auch wenn das eine oder andere noch genauer diskutiert werden müsste: im Wesentlichen überzeugen seine Argumente. Eine ernsthafte Diskussion seiner Thesen sollte aber jetzt beginnen und dazu bildet dieses Buch eine fundierte Grundlage.

Matthias Finger ist promovierter Politologe und seit 2002 Professor für Management von Netzwerkindustrien an der ETH Lausanne (EPFL), seit 2010 lehrt er zudem an der Florence School of Regulation.

Das Buch ist erhältlich im Buchhandel oder unter www.nzz-libro.ch – auch als E-Book

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